Schutzkonzepte zur Kindeswohlsicherung

30.04.2018 11:59

Beispiel 1: In der Gruppe der Kita XY sprechen die Fachkräfte regelmäßig über jedes Kind. Seit einigen Wochen beobachten sie bei dem Kind B eine Änderung des Verhaltens. Sonst als ausgeglichen bekannt, zeigt B beinahe täglich deutliche Wechsel seiner Gefühlslage. Heftige Streitigkeiten sind an der Tagesordnung und enden nicht selten mit Rückzug und langen Phasen des Weinens. Im Gespräch mit einem Elternteil stellt sich heraus, dass sich die Eltern in einem Trennungsprozess befinden. Die Erzieher/innen bitten beide Elternteile zu einem Gespräch. Der Termin wird mehrfach verschoben. Das Verhalten von B erfüllt die Fachkräfte mit Sorge. Sie sprechen darüber mit der Einrichtungsleitung, die sich ihrerseits an die Eltern wendet. Endlich kommt es zu dem Gespräch, in dem die Eltern mit Überraschung und auch Sorge zur Kenntnis nehmen, wie es ihrem Kind in der Gruppe geht. Sie willigen ein, sich Hilfe in der Erziehungsberatungsstelle zu holen. Wenige Tage später berichten sie, einen Termin für ein Erstgespräch erhalten zu haben.

Beispiel 2: In der Kita Z entscheidet die Gruppenleiterin der Gruppe A, jedes Kind soll von dem täglichen Mittagessen zumindest einen Probierhappen zu sich nehmen. Die Kollegin in der Gruppe B stellt den Kindern frei, das Essen zu probieren oder es nicht zu tun. Wer die Hauptmahlzeit verschmäht, kann gleich den Nachtisch nehmen. Die Eltern der Kinder beider Gruppen sind geteilter Meinung. Die einen finden die Probierhappenpflicht gut, die anderen wollen, dass sich ihr Kind traut, ja oder nein zum Essen zu sagen und dritte finden, der Nachtisch ist abhängig vom der Hauptspeise.

Was haben beide Beispiele mit Kindeswohlsicherung zu tun? – Fangen wir ganz von vorne an:

Kitas benötigen für die Ausübung ihres Angebotes eine gültige Betriebserlaubnis, ausgestellt durch das Landesjugendamt.

Das Sozialgesetzbuch VIII regelt hierzu in § 45, Abs. 2 und 3 SGB VIII Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung, dass zur Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung geeignete Verfahren der Beteiligung sowie die Möglichkeit der Beschwerde in persönlichen Angelegenheiten Anwendung finden. Zur Prüfung der Voraussetzungen hat der Träger der Einrichtung mit dem Antrag [unter anderem] die Konzeption der Einrichtung vorzulegen, die auch Auskunft über Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung und –sicherung gibt.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter kommentiert den letzten Halbsatz so: in Bezug auf die Gewährleistung der Qualität liegt der Schwerpunkt auf der Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen und ihrem Schutz vor Gewalt.

Was bedeutet das konkret für Kindertageseinrichtungen?

Grob gesagt gibt es bezogen auf die Kindeswohlsicherung zwei Richtungen der Kindeswohlsicherung für Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen bzw. für den übergeordneten Träger der Einrichtung (in Elternvereinen verkörpert durch den Vorstand).

Wie das Beispiel 1 zeigen soll, tragen die Fachkräfte Sorge für das ihnen anvertraute Kind während seines Aufenthalts in der Kita. Beobachten sie Besonderheiten im Verhalten des Kindes, sind sie verpflichtet, dies mit den Eltern zu besprechen. Wenn sich die Eltern so kooperativ zeigen, wie in dem Beispiel 1, kann davon ausgegangen werden, dass das Wohl des Kindes mit Unterstützung von außen gesichert wird. Wäre es zum Beispiel zum Beziehungsabbruch durch die Verweigerung, ein unterstützendes Gespräch zu führen gekommen, hätten die Fachkräfte mit Unterstützung der Leitung (sofern eine Leitungsausstattung besteht) die weiteren Schritte gemäß der Umsetzung des Paragraphen 8a SGB VIII begehen müssen:
- Erkennen und Dokumentieren von Anhaltspunkten (Beobachtungsbögen)
- Erneute Information an Leitung und Team
- Einschaltung der insoweit erfahrenen Fachkraft (Elternvereine können sich z.B. ans Kinderschutzzentrum wenden)
- Gemeinsame Risikoabschätzung
- Gespräch mit Eltern / anderen Sorgeberechtigten
- Aufstellen eines Beratungs- und / oder Unterstützungsplans
- Maßnahmen der Zielerreichung erreicht?
- Gemeinsame Risikoabschätzung und Absprachen über das weitere Vorgehen
- Gespräch mit Sorgeberechtigten mit Hinweis auf sinnvolle oder erforderliche Einschaltung des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) / Jugendamt
- Weiterleitung an den ASD mit gleichzeitiger Benachrichtigung der Sorgeberechtigten

Diese Aufzählung der Schritte kann in der Arbeitshilfe Kinder- und Jugendschutz in Einrichtungen nachgelesen werden, die der Paritätische Gesamtverband in seiner Publikationsliste im Internet veröffentlicht hat. Es handelt sich um ein gesetzlich festgelegtes Verfahren, dem die Träger im PARITÄTISCHEN durch die Unterschrift des Vorstandes des Paritätischen Landesverbandes Bremen zugestimmt haben. Unsere Beratungsstelle unterstützt seit Jahren Elternvereine, sich in diesem Verfahren zu Recht zu finden.

Das Beispiel 2 weist auf eine weitere Form hin: Gefährdung des Kindeswohls innerhalb von Einrichtungen. Zum Glück kommt es selten vor, dass sich aus Beispielen wie oben Gefährdungen ergeben. Diese könnten im schlimmsten Fall so aussehen, dass Kinder gezwungen werden (in einem Fall kam es vor Jahren offensichtlich zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Fachkraft und Kind), das angebotene Mittagessen zu sich zu nehmen.

Besonders um Gefährdungslagen ähnlich des letzten Beispiels kümmern wir uns aktuell – und zwar präventiv. Dazu bietet zum einen die oben genannte Arbeitshilfe Bausteine an. Zum anderen hat die Beratungsstelle im letzten Jahr als Pilotprojekt eine „Verhaltensampel“ mit einer Mitgliedseinrichtung erarbeitet. Hier legen alle Fachkräfte einer Einrichtung fest, welches erzieherische Verhalten sie entsprechend den Ampelfarben rot, gelb, grün sie auf keinen Fall bzw. ganz besonders praktizieren wollen.

Die Verhaltensampel ist als ein Baustein des Kinderschutzkonzepts einer Einrichtung zu verstehen. Es ähnelt dem „Verhaltenskodex“, den viele evangelische Einrichtungen als Selbstverpflichtung erarbeitet haben. Konzepte dieser Art ergänzen die konzeptionelle Ausrichtung einer Kita und stellen Beteiligung bzw. Partizipation (inklusive Beschwerdemanagement) als Hauptsäule der Prävention in den Vordergrund. Natürlich gehört zum Kinderschutzkonzept auch die Einübung des oben beschriebenen Verfahrens nach § 8a mit den entsprechenden Schritten. Das Augenmerk wird hier auf die Kommunikation mit den  Sorgeberechtigten (Einbindung) gerichtet.

Wir haben das Pilotprojekt dokumentiert und werden es anlässlich des 25-Jährigen Jubiläums unserer Beratungsstelle am 08.06.2018 um 10:00 Uhr in Zusammenarbeit mit Anna Rachow (Leiterin Entdeckerkids des Kita Technologiepark e.V. ) vorstellen.

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